Listen & Empfehlungen
10 Horrorfilme mit den
spannendsten Metaphern
Filme, die auf der Oberfläche schaudern und darunter über das Wichtigste sprechen, worüber wir nicht sprechen wollen.
Lesedauer ca. 6 Minuten · Liste← Zurück zur Übersicht
Es geht hier nicht darum, welche Horrorfilme am unheimlichsten oder am blutigsten sind. Es geht darum, welche Filme am „tiefsten“ sind und bei denen man das Gefühl hat, dass jede Einstellung, jeder Name, jede Farbe eine zweite Bedeutung trägt. Filme, die man öfter schaut und die dabei immer reicher werden, nie ärmer.
Diese zehn sind ein idealer Ausgangspunkt, wenn du anfangen möchtest, Horror anders zu sehen. Oder ein Wiedersehen, wenn du es bereits tust.
01
Get Out
2017 · Jordan Peele · USA
Peeles Debüt ist das präziseste Horror-Seismogramm des amerikanischen Rassismus der Obama-Ära: der liberale Weiße, der Black culture bewundert, begehrt und vereinnahmt, ohne je aufzuhören, Macht über sie auszuüben. Die „Sunken Place“ – jener innere Abgrund, in dem Chris gefangen ist, während sein Körper fremdgesteuert wird – ist eine der treffendsten visuellen Metaphern für strukturelles Unsichtbarmachen, die das Kino je erfunden hat. Man kann den Film zehnmal sehen und jedes Mal eine neue Schicht finden.
RassismusLiberale HeucheleiKörperautonomie
02
Hereditary
2018 · Ari Aster · USA
Asters Debüt verkleidet generationsübergreifendes Trauma als Okkultfilm. Die Dämonen kommen nicht von außen. Sie sind das, was Familien einander weitergeben: Schweigen, psychische Erkrankung, Kontrollmechanismen, unverarbeiteten Schmerz. Annies Miniaturwelten als Metapher für den Versuch, das Unkontrollierbare einzufrieren, sind eines der klügsten visuellen Leitmotive des modernen Horrors.
FamilientraumaPsychische ErkrankungKontrollverlust
03
Dawn of the Dead
1978 · George A. Romero · USA
Die Zombies im Einkaufszentrum. Es ist das vollständigste Bild des Konsumkapitalismus, das der Horrorfilm je geliefert hat. Umso schärfer, weil Romero die Überlebenden genauso zeigt: plündernd, spielend, konsumierend. Der Unterschied zwischen lebendig und untot schrumpft auf die Frage zusammen, ob noch jemand zuhause ist. Und selbst das ist nicht sicher.
KapitalismuskritikKonsumgesellschaftIdentitätsverlust
04
The Babadook
2014 · Jennifer Kent · Australien
Das Monster, das man nicht loswird, indem man seinen Namen nicht ausspricht. Das Monster, das am Ende im Keller lebt und täglich gefüttert wird. The Babadook ist einer der wenigen Horrorfilme, der nicht von Besiegung handelt, sondern von Koexistenz, weil Trauer sich nicht besiegen lässt. Man lernt nur, mit ihr zu leben.
TrauerDepressionMutterschaft
05
The VVitch
2015 · Robert Eggers · USA/Kanada
Robert Eggers‘ Puritaner-Horror spielt sich fast vollständig im Inneren seiner Figuren ab. Die Hexe am Waldrand ist real. Aber sie ist auch die Verkörperung puritanischer Angst vor weiblicher Autonomie, vor Sexualität, vor dem Körper. Thomasin, das älteste Mädchen, wird von ihrer eigenen Familie als Bedrohung behandelt, lange bevor irgendein Monster auftaucht. Der Wald ist das Außen. Die Familie ist das eigentliche Gefängnis.
Weibliche AutonomieReligiöse UnterdrückungAdoleszenz
06
It Follows
2014 · David Robert Mitchell · USA
Eine unsichtbare Bedrohung, die durch sexuellen Kontakt übertragen wird, sich langsam und unaufhaltsam nähert und nur demjenigen gilt, der sie trägt – bis sie an jemand anderen weitergegeben wird. Mitchell hat wiederholt erklärt, dass es nicht nur um sexuell übertragbare Krankheiten geht, sondern um die Unausweichlichkeit des Todes selbst. Aber die STI-Lesart funktioniert so präzise, dass sie den Film zur Zeitkapsel der amerikanischen Sexualangst macht.
Sexualität & KonsequenzSterblichkeitAdoleszenz
07
Invasion of the Body Snatchers
1956 · Don Siegel · USA & 1978 · Philip Kaufman · USA
Zwei Versionen, zwei gegensätzliche Lektüren desselben Monsters – und damit ein Lehrstück über Horrormetaphern. Die Version von 1956 wurde als Warnung vor dem Kommunismus gelesen (die Hülsenwesen als Kollektiv ohne Individualität) und als McCarthyismus-Kritik (die paranoide Jagd auf Andersartige). 1978, nach Watergate und Vietnam, ist die Paranoia diffuser, systemischer: Jetzt ist niemand mehr zu trauen, nicht einmal den Institutionen. Dasselbe Monster, zwei Jahrzehnte auseinander und ein völlig anderer Schrecken.
Politische ParanoiaKonformismusIdentitätsverlust
08
Midsommar
2019 · Ari Aster · USA/Schweden
Asters zweiter Film ist ein Breakup-Drama, das sich als Folk-Horror-Albtraum verkleidet. Danis emotionale Isolation innerhalb ihrer Beziehung – der Partner, der nie wirklich präsent ist, die Freunde, die sie ertragen statt zu umarmen – wird im grellen schwedischen Mittsommerlicht sichtbarer als in jedem Nachthorror. Das Ende, in dem sie endlich gesehen wird, von einer Gemeinschaft, die ihren Schmerz rituell bezeugt, ist gleichzeitig das Befremdlichste und das Ehrlichste an dem Film.
Toxische BeziehungenTrauerGemeinschaft & Zugehörigkeit
09
Nosferatu (2024)
2024 · Robert Eggers · USA
Eggers dreht die Blickrichtung des Originals radikal um: Während Murnaus Orlok das Böse von außen verkörpert, kommt es hier von innen. Ellen Hutter wird von nächtlichen Visionen des Grafen heimgesucht. Und Orlok ist die Materialisierung ihrer verdrängten Sexualität und Scham, eine Metapher, die der Film explizit ausspricht. Das macht ihn zum Zeitdokument einer Debatte, die bis heute nicht abgeschlossen ist: Weibliche Erotik gilt als problematisch, sobald sie nicht durch gesellschaftlich akzeptierte Normen gerahmt wird, ob im Vampirfilm oder im Diskurs über Dark Romance und erotische Fan Fiction. Ellens Selbstaufopferung am Ende rettet ihren Mann und bewahrt den Familiennamen vor gesellschaftlicher Verurteilung. Eine Tragödie in zweifacher Hinsicht: Tod in der Geschichte, und kaum gesellschaftlicher Fortschritt gegenüber Coppolas Version von 1992.
Weibliche SexualitätScham & VerdrängungGesellschaftliche Unterdrückung
10
Us
2019 · Jordan Peele · USA
Peeles zweiter Film ist absichtlich schwerer zu entschlüsseln als Get Out – und das ist der Punkt. Die Tethered, die Doppelgänger aus dem Untergrund, lassen sich als Klassenmetapher lesen (die, die unten leben und das Spiegelbild derer sind, die oben konsumieren), als amerikanische Erbsündmetapher (der Wohlstand der Nation fußt auf dem, was sie unter die Erde gesperrt hat), oder als Auseinandersetzung mit dem eigenen Schatten im Jung’schen Sinn. Der Film verweigert eine eindeutige Auflösung. Und das macht ihn zu einem der interessantesten Diskussionsobjekte des modernen Horrors.
KlassengesellschaftAmerikanischer SchattenDoppelgänger
Das Schöne an dieser Liste ist, dass sie kein Abschluss ist. Jeder dieser Filme öffnet Türen zu weiteren Filmen, weiteren Themen, weiteren Fragen. Romero führt zu Fulci. Peele führt zu Frantz Fanon. Eggers führt zu Arthur Miller. Der Horror endet nicht – er verzweigt sich.
Welchen dieser Filme hast du noch nicht durch die Metaphernlinse betrachtet? Fang dort an. Und schreib uns, was du siehst.